Klinikgruppe Enzensberg, Arbeitsbereich Forschung und Qualitätssicherung, Hopfen am See 1, Fachklinik Enzensberg, Bereich Reha/ Case Management und Arbeitsmedizin, Hopfen am See 2,
AUDI AG, Gesundheitsschutz, Ingolstadt 3, Audi BKK, Ingolstadt 4, LVA Oberbayern, Abt. für Rehabilitation und Kliniken, München 5


Verzahnung von medizinischer Rehabilitation und beruflicher Reintegration


1. Haase 1, G. Riedl 2, L. B. Birkholz 3, A. Schaefer 4 und M. Zellner 5

(angenommen am 19. 4. 2002)

Zusammenfassung:
Ziel: Ziel unseres Modellprojektes war es, zu prüfen, ob die berufliche Wiedereingliederung eines Rehabilitanden durch eine systematische Kooperation zwischen Reha-Arzt und Betriebsarzt verbessert werden kann.
Methoden und Untersuchungskollektiv. Im Rahmen einer Interventionsstudie mit historischer Kontrollgruppe wurden Arbeitnehmer der AUDI AG Ingolstadt mit Vorliegen einer beruflichen Problematik hinsichtlich der Zielvariablen Dauer bis zur Rückkehr zur Arbeit und AU-Tage in den
ersten zwölf Monaten nach Reha - Ende untersucht (40 Fälle und 56 Kontrollen).
Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen einen Effekt in beiden Zielvariablen zugunsten der Interventionsgruppe.
Schlussfolgerung: Die dargestellten eindeutigen Ergebnisse zur Wirksamkeit erlauben die
Empfehlung, das Konzept auch in anderen Zusammenhängen umzusetzen.

Schlüsselwörter: berufliche Wiedereingliederung Rehabilitation Verzahnung

Arbeitsmed.Sozialmed.Umweltmed. 37 (2002) 331-335


Hintergrund und Zielsetzung

Eine bessere Verzahnung der medizinischen Rehabilitation mit anderen Sektoren unseres Gesundheitssystems wird häufig und von zahlreichen Seiten gefordert. Nur vereinzelt rückt dabei der Teilaspekt der Kooperation von Rehabilitationskliniken mit den Betrieben in den Blickpunkt [1, 6, 10]. Dies ist umso erstaunlicher, als im Hinblick auf das Hauptziel "Erhalt der Erwerbsfähigkeit" am bisherigen Arbeitsplatz nichts näher liegt, als eine Zusammenarbeit zwischen Rehabilitations- und Arbeitsmedizin. Folgerichtig fordert die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) eine Berufs- und Arbeitsplatzorientierung der medizinischen Rehabilitation und explizit "eine stärkere Kooperation der Rehabilitationskliniken mit Betriebsärzten, Arbeitsämtern und den Berufsförderungswerken" [4].
Vor diesem Hintergrund hatten die m&i-Fachklinik Enzensberg, das Gesundheitswesen der AUDI AG, die Audi BKK und die LVA Oberbayern im April 1998 das Kooperationsprojekt "Verzahnung von medizinischer Rehabilitation und beruflicher Reintegration" eingerichtet [3, 9]. Im einzelnen sollten dadurch

  • eine möglichst nahtlose Wiedereingliederung in den Betrieb nach einer Krankheit oder nach einem Unfall ermöglicht werden,
  • Zeiten der Arbeitsunfähigkeit (AU) nach Reha verkürzt werden und
  • die Erwerbsfähigkeit langfristig gesichert werden.

Im Zentrum des Interventionsprogrammes stand eine enge und abgestimmte Zusammenarbeit mit wechselseitigem Informationsaustausch zwischen Reha-Klinik, Betriebsarzt und den zuständigen Kostenträgern, um möglichst frühzeitig die berufliche Eingliederung planen zu können. Hierzu gehörte insbesondere eine enge Zusammenarbeit zwischen Rehabilitationsklinik und Betriebsarzt bzgl. der Einschätzung der erwerbsbezogenen Leistungsfähigkeit und der Rückkehr zur Arbeit [3]. Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung war zu untersuchen, welchen Einfluss das Programm auf die AU-Zeiten hat.

Methoden und Kollektiv

Methodik
Entsprechend der Zielsetzung wurde eine Interventionsstudie mit historischer Kontrollgruppe durchgeführt. Eine Fallgruppe, die am Interventionsprogramm teilnahm, wurde mit einer historischen Kontrollgruppe verglichen, bei der Kooperation und Berichterstattung zwischen Reha- und Betriebsarzt gar nicht bzw. in traditioneller Weise erfolgte. Die Veränderung der definierten Zielgrößen im Zeitverlauf wurde auf der Basis einer ärztlichen Dokumentation sowie Routinedaten des Gesundheitsschutzes der AUDI AG für beide Gruppen untersucht.
Da es einerseits aus praktischen und ethischen Überlegungen nicht möglich schien, die den Einschlusskriterien entsprechenden Patienten randomisiert der Fall- oder der Kontrollgruppe zuzuweisen, andererseits auf eine Vergleichsgruppe aber nicht verzichtet werden sollte, wurde eine historische Kontrollgruppe auf der Basis von arbeitsplatz- und krankheitsbezogenen Daten der AUDI AG Ingolstadt gebildet.

Untersuchungskollektiv
Als Einschlusskriterien für die Fallgruppe wurden definiert:
  • Mitarbeiter der AUDI AG Ingolstadt
  • krankenversichert bei der Audi Betriebskrankenkasse (BKK)
  • rentenversichert bei der LVA Oberbayern oder der BfA Berlin
  • Arbeitsunfähigkeit bei Reha-Antragstellung und/ oder Arbeitsunfähigkeitszeit in den letzten 12 Monaten wegen degenerativ-rheumatischer Krankheiten, Zustand nach Operationen oder Unfallfolgen an den Bewegungsorganen) und/oder neurologischer Krankheiten
  • Aufnahme zur stationären Rehabilitation (Heilverfahren, Anschlussheilbehandlung oder verwandte Verfahren) in die Fachklinik Enzensberg zwischen Juli 1998 und Dezember 1999 (bei freiwilliger Teilnahme und Schweigepflichtsentbindung)
  • Vorliegen einer krankheitsbedingten beruflichen Problematik (gemäß Selbsteinschätzung des Patienten beim Aufnahmegespräch mit dem Arzt)

Als historische Kontrollgruppe dienten ebenfalls Mitarbeiter der AUDI AG Ingolstadt, die gleichzeitig bei der Audi BKK krankenversichert sind/waren und zwischen 1993 und 1998 eine stationäre Rehabilitationsmaßnahme an einer deutschen Fachklinik für Rehabilitation in den o. g. Fachbereichen durchlaufen hatten. Das Vorliegen einer krankheitsbedingten beruflichen Problematik wurde rückblickend angenommen, wenn im Anschluss an die Rehabilitation ein betriebsärztlicher Vorschlag zu einer Arbeitsplatzmaßnahme und/ oder der Beginn einer solchen bei Audi dokumentiert war.
Insgesamt konnten in den 18 Monaten des Aufnahmezeitraumes gemäß o. g. Kriterien 40 Patienten in die Interventionsgruppe eingeschlossen werden. 22 weitere Audi-Mitarbeiter konstatierten keine krankheitsbedingte berufliche Problematik im Gespräch mit dem aufnehmenden Reha-Arzt und wurden definitionsgemäß bei der Auswertung nicht berücksichtigt. Aus den Unterlagen des Betriebsärztlichen Dienstes der AUDI AG Ingolstadt konnten 56 geeignete historische Kontrollpatienten ermittelt werden, die zwischen 1993 und 1998 eine Rehabilitationsmaßnahme mit anschließendem Vorschlag zu oder Beginn einer betriebsinternen Arbeitsplatzmaßnahme absolviert hatten.

Tab. I: Beschreibung der Studiengruppen Fallgruppe(N=40) Kontrollen(N=56) Signifikanz
Alter 45 Jahre 43 Jahre P = 0,373 (n. s.)
Geschlecht 10% weiblich 13% weiblich P = 0,758 (n. s.)
Betriebszugehörigkeit 17 Jahre 16 Jahre P = 0,859 (n. s.)
Qualifizierte Tätigkeit vor Reha 37,5% 33,9% P= 0,829 (n. s.)
AU-Tage im Jahr vor der Rehabilitation 52 Tage (Median) 95 Tage (Median) P = 0,175 (n. s.)
Aktuelle OP vor Reha 45% 35,7% P = 0,428 (n. s.)
Fachgebiet der Reha 85 % Orthopädie
10 % Traumatologie
5 % Neurologie
77 % Orthopädie
20 % Traumatologie
4 % Neurologie
P= 0,402 (n. s.)
Reha-Dauer
27,6 Tage 32,1 Tage P = 0,0179

Anmerkung: Dargestellt ist jeweils der Mittelwert, falls nicht anders angegeben.
n. s. = nicht signifikant


Interventionsgruppe und Kontrollgruppe unterscheiden hinsichtlich der wesentlichen soziodemographischen Parameter statistisch nicht bedeutsam voneinander a> 0,10; vgl. Tab. 1). Lediglich die durchschnittliche Reha-Dauer war in der historischen Kontrollgruppe signifikant um 4.5 Tage länger, was sich hinreichend mit der im Gesetz zur Beschleuninigung von Wirtschaftswachstum und Förderung von Beschäftigung (WFG) begründeten Verkürzung der Regelverweildauer von vier auf drei Wochen erklären lässt.

Zielgrößen und Auswertung
Als Kriterien zur Beurteilung des Programmerfolges wurden zum einen die Dauer in Tagen bis zur vollschichtigen Rückkehr an den Arbeitsplatz bzw. bis zur Aufnahme einer neuen Tätigkeit, zum anderen die AU-Tage im ersten Jahr nach Reha berücksichtigt.
Die Auswertung umfasste zunächst eine Beschreibung aller relevanten Merkmale mittels deskriptiver Statistik und eine Überprüfung der Vergleichbarkeit der zwei Gruppen Zur Darstellung der Zielgrößen wurde aufgrund der vorgefundenen asymmetrischen Verteilungen mit einzelnen extremen Werten der Median gewählt. Um eine Aussage darüber treffen zu können, ob die Unterschiede zwischen der Fallgruppe und der historischen Kontrollgruppe nicht rein zufallsbedingt sind, wurden statistische Tests mit einem Signifikanzniveau von (a = 0,05 durchgeführt (Kolmogorov-, Smirnov-Test, Chi-Quadrat-Test).

Ergebnisse

Wiedereingliederung
Der berufliche und gesundheitliche Status der Probanden wurde regelmäßig während der ersten 12 Monate nach Schluss der stationären Rehabilitationsmaßnahme dokumentiert. Bei der Auswertung wurde zunächst nur unterschieden ob die betriebliche Reintegration im Follow-up-Zeitraum lang oder nicht (betriebliche Reintegration vs. Dauer-AU Berentung), wobei eine über den gesamten Zeitraum der Nachbeobachtung ununterbrochen bestehende Arbeitsunfähigkeit oder eine in diesem Zeitraum erfolgte Frühberentung als Misserfolg gewertet wurde. Als Ergebnis ist festzuhalten, dass sich gemäß dieser Definition die Wiedereingliederungsrate nach 12 Monaten zwischen Interventions- und Kontrollgruppe praktisch nicht unterscheidet (p=0,9471; vgl. Abb. 1). Lediglich 3 Patienten der Fallgruppe (darunter eine Frühberentung) und vier Patienten der Kontrollgruppe schafften innerhalb des Nachbeobachtungszeitraums die Rückkehr zur Arbeit nicht.
Betrachtet man einzelne Intervalle des Nachbeobachtungszeitraumes, so wird deutlich, dass die Reintegration in der Interventionsgruppe schneller gelang. So konnten mehr als drei Viertel der Interventionsgruppe, aber nur etwa die Hälfte der Kontrollgruppe innerhalb der ersten zwei Monate nach Reha die Arbeit im Betrieb wieder vollschichtig aufnehmen (vgl. Abb. 1), davon ein großer Teil bereits unmittelbar, d. h. maximal zwei Tage, nach der stationären Rehabilitation (46 % in der Fallgruppe und 34 % in der Kontrollgruppe).

Dauer bis zur Rückkehr zur Arbeit
Bei der im folgenden dargestellten Berechnung der AU-Tage bleibt der Einzelfall einer im Beobachtungszeitraum erfolgten vorzeitigen Berentung unberücksichtigt. Die Fallgruppe verkleinert sich somit geringfügig auf N= 39. Dauerhaft arbeitsunfähige, aber noch nicht berentete Probanden gehen mit jeweils 365 Tagen Arbeitsunfähigkeit (bezogen auf das Jahr der Nachbeobachtung) in die Berechnung der AU-Zeiten ein. Die angegebenen AU-Zeiten entsprechen also Kalendertagen.
Wie sich im vorhergehenden Abschnitt bereits andeutet, gelang in der Interventionsgruppe eine schnellere betriebliche Reintegration. Durchschnittlich vergingen 53 AU-Tage (Standardabweichung s = 97,0) bis zu regulären Wiederaufnahme der Arbeit (gegenüber 91 AU-Tagen in der Kontrollgruppe, s = 110,7). Noch deutlicher tritt der knapp nicht signifikante Unterschied (p = 0,059) im Median zu Tage (vgl. Abb. 2).


Verantwortlich für diese Entwicklung ist eine drastische Verkürzung der Zeitspannen vom Abschluss der Reha bis zur Vorstellung beim Betriebsarzt (p < 0,0001) und in der Folge - sofern erforderlich - auch bis zum Beginn einer betrieblichen Arbeitsplatzmaßnahme (p = 0,00 1), wie Abbildung 3 zeigt.


Nachhaltigkeit der betrieblichen Reintegration
Neben dem Ziel einer schnelleren Wiedereingliederung in den Betrieb war insbesondere die Frage der Nachhaltigkeit der betrieblichen Reintegration von Interesse. So sollte eine schnelle Reintegration nicht etwa langfristig, höhere AU-Zeiten zur Folge haben. Um zu überprüfen, ob dies gelungen ist, wurden für die Probanden im ersten Jahr nach Abschluss der Rehabilitation alle AU-Zeiten ausgewertet. Aus datenschutzrechtlichen Gründen war es in der Kontrollgruppe allerdings nicht möglich, zwischen AU-Zeiten, die mit der Reha-Diagnose in Zusammenhang stehen und anderen zu differenzieren. In der Annahme, dass sich das Verhältnis von Reha-relevanten und sonstigen AU-Tagen nicht gravierend zwischen den Studiengruppen unterscheidet, werden im folgenden dennoch Aussagen zur Entwicklung der AU-Zeiten im Jahr nach Reha getroffen.
Es zeigt sich unter Einbeziehung der nicht rehabezogenen AU-Zeiten im ersten Jahr nach stationärer medizinischer Rehabilitation eine signifikant geringere Zahl an AU-Tagen in der Interventionsgruppe (p = 0,0295). Das Interventionsprogramm verspricht demnach nicht nur eine schnellere, sondern auch eine nachhaltigere betriebliche Reintegration (s. Abb. 2).

Diskussion
Reha-Ärzte und Betriebsärzte ergänzen sich in ihren spezifischen Fähigkeiten und institutionellen Kompetenzen im Hinblick auf die berufliche Wiedereingliederung von Rehabilitanden [2]. Wie die Studie gezeigt hat, ist eine enge Kooperation zwischen medizinischer Rehabilitationseinrichtung und Betriebsarzt ein Garant für eine frühzeitige, den Mitarbeiter nicht gefährdende Wiedereingliederung in das Berufsleben. Die hierbei erzielten Verkürzungen der Arbeitsunfähigkeitsdauer bedeuten ein nicht unerhebliches Kostenreduktionspotenzial. Dabei ist besonders bemerkenswert, dass der Erfolg, die enge Begleitung und die damit langfristig gesicherte berufliche Reintegration auch in der Folgezeit eine Reduktion der Arbeitsunfähigkeitszeiten in dieser Personengruppe ermöglicht und somit nicht nur einmalig dem Unternehmen Kosten erspart.
Durch die Kooperation zwischen Rehamedizinern und Betriebsärzten wird ein nahtloser Übergang von der medizinischen Rehabilitation in das Berufsleben mit klaren Orientierungen für den betroffenen Mitarbeiter gewährleistet. Auch bedeutet diese enge Abstimmung die Möglichkeit unter tatsächlich praxisbezogenen Arbeitsanforderungen die Angleichung an das durch die Krankheit veränderte Leistungsvermögen des Mitarbeiters durchzuführen. Die hierdurch gewonnene Sicherheit für die Betroffenen führt auchzu einer Stabilisierung der Gesundheitssituation und, wie die Nachuntersuchung zeigte, wird auch eine stabile Reintegration im beruflichen Umfeld erreicht.
Ein nicht zu unterschätzender Faktor für die erschwerte oder gar unmögliche berufliche Wiedereingliederung sind theoretische und zu weitreichende Leistungseinschränkungen. die sich nicht an den tatsächlichen beruflichen Anforderungen orientieren. Die im Rahmen des Projektes in vielen Fällen durchgeführten Arbeitsversuche ermöglichten es, dass nur praxisrelevante erforderliche Anpassungen der Arbeitssituation für den Mitarbeiter durchgeführt werden mussten und somit eine Wiedereingliederung am alten Arbeitsplatz oder zumindest im alten Arbeitsbereich erzielt werden konnte.
Die Reintegration in den bisherigen Arbeitsbereich bzw. am ursprünglichen Arbeitsplatz hat für den betroffenen und in seiner Leistungsfähigkeit verunsicherten Rehabilitanden nicht unerhebliche Vorteile. Bedeutet doch der vorschnell ausgesprochene Arbeitsplatzwechsel die Veränderung des bisher bekannten sozialen Umfeldes am Arbeitsplatz, d. h. neue Arbeitskollegen, neue Vorgesetzte und auch eine neue Arbeitsaufgabe. Dies alles zusammengenommen ergibt für einen chronisch Kranken eine spürbare zusätzliche Belastung, die in vielen Fällen die durch den Arbeitsplatzwechsel angestrebten Erleichterungen wieder zunichte macht. Nichtsdestotrotz wird auch in einem bestimmten Teil der Rehabilitationsfälle die Veränderung des Arbeitsbereiches und des Arbeitsplatzes nicht zu vermeiden sein. Hier kann aber eben die frühzeitige Verzahnung helfen, die innerbetrieblichen Wege zu bahnen und somit eine zeitnahe Rückkehr ins Arbeitsleben zu ermöglichen.
Die Gesamtbetrachtung darf sich aber nicht nur auf die durch die Reduktion der Arbeitsunfähigkeitszeiten erzielten Kosteneinsparungen beschränken, sondern muss auch die Folgekosten im Rahmen notwendiger beruflicher Reintegrationsmaßnahmen berücksichtigen. Da die Länge der Arbeitsunfähigkeit, wie eine Vielzahl von Studien gezeigt haben, negativ mit der erfolgreichen beruflichen Rehabilitation korreliert, sind bei einem späteren Wiedereinstieg in das Berufsleben deutlich kostenintensivere Maßnahmen für den Betrieb erforderlich, als sie bei einer frühzeitigen, am tatsächlichen Leistungsbild orientierten Reintegration entstehen.
Die Wiedereingliederung am alten Arbeitsplatz bedeutet nicht nur eine Vermeidung von Kosten durch einen Arbeitsplatzwechsel, sondern auch die Vermeidung von Know-howVerlusten an diesem Arbeitsplatz durch die Herausnahme des bisherigen Arbeitsplatzinhabers und die Notwendigkeit des Anlernens eines neuen Mitarbeiters. Wie die Studie gezeigt hat, ist die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit der betroffenen Mitarbeiter 16 Jahre und somit würde hier die nicht erfolgreiche Reintegration einen nicht unerheblichen Verlust an Erfahrungswerten in den jeweiligen Arbeitsbereichen bedeuten.

Die modellhafte Umsetzung des Interventionsprogramms unter Idealbedingungen führt wahrscheinlich eher zu einer Überschätzung des unter Alltagsbedingungen möglichen Effektes. Neben der idealen bilateralen Konstellation zwischen nur einer Reha-Klinik und nur einem großen Betrieb (mit Betriebsärztlichem Dienst vor Ort) ist hier insbesondere der personelle Aufwand zu nennen, der - bedingt durch den Pilotcharakter - beim Case-Management und der damit verbunden Dokumentation betrieben werden musste. Der Übergang von der Studiensituation auf die Alltagssituation geht wahrscheinlich mit Einbußen an Wirksamkeit einher. Aufgrund der deshalb eingeschränkten Generalisierbarkeit der vorliegenden Ergebnisse wäre in weiteren Studien zu prüfen, welch ein Effekt unter "neutralen" Bedingungen, d. h. nur gestützt auf schriftlichen und/oder fernmündlichen Informationsaustausch zwischen Reha- und Betriebsarzt im Routinebetrieb erreicht werden kann.
Angesichts der deutlich positiven Studienergebnisse lässt sich als Fazit jedoch festhalten - auch unter Berücksichtigung o. g. Einschränkungen der Aussagekraft -, dass durch die Kooperation zwischen Reha-Klinik und Betrieb im Hinblick auf die berufliche Wiedereingliederung eines Rehabilitanden zweifellos ein großes Potential erschlossen werden kann. Für den Patienten liegt es im Erhalt des Arbeitsplatzes, für den Betrieb und den Kostenträger in Einsparungen und für die Reha-Klinik im Qualitäts- und Imagegewinn.

Auch aus gesundheitsökonomischer Sicht lässt sich positives Fazit ziehen: Folgt man Krauth et al. [7], so sind die indirekten Kosten von AU-Tagen aus gesellschaftlicher Perspektive mit ca. 107 Euro (210 DM) je Kalendertag zu bewerten. Berechnet wurden die durchschnittlichen Arbeitskosten für Vollzeiterwerbstätige als Indikator für den Produktionsausfall. Nach unserer Untersuchung beträgt die Verringerung der AU-Zeiten in den ersten 12 Monaten nach Rehabilitation im Median 74 Tage. Daraus ergibt sich eine Einsparung von 7945 Euro (15 540 DM) pro Fall. Entsprechend ergibt sich aus Kassenperspektive unter Berücksichtigt der durchschnittlichen Krankengeldausgaben der Audi BKK im Jahre 1999 von kalendertäglich 140 DM bzw. 72 Euro (einschließlich der Beitragsanteile der BKK) pro Fall eine Einsparung von 5297 Euro (10 360 DM). Auch wenn man den oben ausgeführten Überlegungen zur eingeschränkten Generalisierbarkeit der vorliegenden Ergebnisse folgt und in einer vorsichtigen Schätzung davon ausgeht, dass unter Alltagsbedingungen vielleicht nur etwa zwei Drittel des AU-Reduktionspotentials realisiert werden kann, so ergibt sich jedenfalls auch dann ein relevanter Einsparungseffekt.
Da das Restleistungsvermögen der Probanden überwiegend in einem Bereich lag, der eine völlige Neuorientierung in ein anderes Berufsfeld überflüssig machte, konnten Effekte in Bezug auf Vermeidung von Vollumschulung bzw. Berentung nicht nachgewiesen werden. In einer früheren deutschen Untersuchung zeigen sich jedoch Hinweise, dass die Güte der Kommunikation zwischen Reha- und Betriebsarzt einen deutlichen vermindernden Einfluss auf die Früberentlichkeit hat [5].
Die dargestellten eindeutigen Ergebnisse erlauben die allgemeine Empfehlung, das Konzept auch in anderen Zusammenhängen umzusetzen, was im Rahmen eines ähnlichen Kooperationsprojektes in Thüringen auch bereits geschieht [81]. Aufgrund der im Rahmen unseres Modellprojekts gesammelten Erfahrungen können für die Zusammenarbeit von Reha-Klinik und (größeren) Betrieben folgende wesentliche, einfach zu realisierende und weitgehend kostenneutrale Elemente als konkrete Handlungsempfehlungen genannt werden:

  • Das Klinikanschreiben an den Patienten (anlässlich Einbestellung zur Reha) sollte ein Formblatt zur Angabe des zuständigen Betriebsarztes mit vorbereiteter Einverständniserklärung zur Kontaktaufnahme seitens des Reha-Arztes inkl. Schweigepflichtsentbindung enthalten.
  • Auf dieser Basis sollte die Übermittlung der Arbeitsplatzanforderungen an die Klinik und dort analog das Erstellen des Leistungsbildes mit Übermittlung an den Betriebsarzt zeitnah und möglichst standardisiert erfolgen.
  • Wünschenswert für einen reibungslosen Ablauf der Zusammenarbeit in der alltäglichen Praxis ist, dass ausreichende technische Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Ideal wäre ein EDV-gestütztes System zum Informationsaustausch.
  • Grundsätzlich vorteilhaft ist die Durchführung von internen und externen Fortbildungsmaßnahmen zur Erhöhung der arbeitsmedizinischen Kompetenz in der Reha-Klinik.
Voraussetzung für die Übertragung des Modells auf Klein- und Mittelbetriebe ist ein entsprechendes Case-Management der Kostenträger und der konsiliarisch tätigen Betriebsärzte.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass eine so gesteuerte Reintegration von Mitarbeitern an den Arbeitsplatz in der Gesamtbilanz positiv für den Betrieb zu bewerten ist. Es zeigt sich deutlich, dass durch solche Ansätze, bei denen die Schnittstellenproblematik im Gesundheits- und Sozialsystem positiv verändert wird, Kosteneinsparungen im System möglich sind, ohne dass dem Betroffenen notwendige Leistungen versagt werden müssen.
Es ist zu hoffen, dass solche Erfahrungen auch von der Gesundheitspolitik angemessen berücksichtigt werden.

Literatur
1 Behrens, J.: Das reha-ärztliche Mandat zur Einschaltung des
Betriebsarztes: Ein ISIS-Vorschlag zur Schnittstellengestaltung
durch Rentenversicherung und Rehabilitationskliniken. In: VDR
(Hrsg.): Zusarnmenarbeit von Forschung und Praxis. 5. Rehabi-
litationswissenschaftliches Kolloquium, 6. bis 8. März 1995 in
Freyung, 285-286. Frankfurt/M. 1995
2 Behrens, J.: Die Umsetzung des rehaärztlichen Mandats zum Ein-
beziehen der Betriebsärzte. In: VDR (Hrsg.): 9. Rehabilitations-
wissenschaftliches Kolloquium, Individualität und Reha-Prozess,
vom 13. bis 15. März 2000 in Würzburg, 244-246. Frankfurt/M.
2000
3 Birkholz, L., P. Rothemund: Reha geht vor Rente. f&w 16 (1999)
357-360
4 Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR): Die Zukunft der Rehabilitation - Orientierungsrahmen für die Arbeit der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation ab 2001. Rehabilitation 40 (2001) 180-190
5 Fraisse, E., H.J. Seidel: "Rehabilitation vor Rente" aus Sicht des Betriebsarztes. Arbeitsmedizin Sozialmedizin Präventivmedizin 28 (1993) 41-53
6 Irmscher, J.: Erwerbsfähigkeit erhaltende und berufsfördernde Maßnahmen - Grundanliegen der Ärzte einer Reha-Klinik Zusammenarbeit mit den Betriebsärzten und dem Arbeitsamt. In: VDR (Hrsg.): Interdisziplinarität und Vernetzung. 7, Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium März 1997 in Hamburg. Tagungsband, 64-66. Frankfurt/M. 1998
7 Krauth C., J. Rieger, F, W. Schwartz: Bewertung von Arbeitsunfähigkeitstagen in der reha-ökonomischen Evaluation - gesellschaftliche Perspektive versus Kassenperspektive. In: VDR (Hrsg.): 10. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium, Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis, 12. bis 14. März 2001 in Halle/Saale, 126-128. Frankfurt/M. 2001
8 Maier, V., W.D. Müller, P. Bak, U. C. Smolenski: Verzahnung zwischen medizinischer Rehabilitation und beruflicher Reintegration - Kosteneffektivitäts- und Kosten-Nutzwert-Analyse. Phys Med Rehab Kuror 11 (2001) 145-146
9 Schick, K., A. Schaefer, I. Winter: Verzahnung zwischen medizinischer und beruflicher Rehabilitation. Die BKK 88 (2000) 122﷓125
10 Schmidt, H.: Zusammenarbeit zwischen Rehaklinik und werkärztlichem Dienst. Arbeitsmedizin Sozialmedizin Präventivmedizin 24 (1989) 139

Anschrift für die Verfasser:

Dr. phil. Ingo Haase
Klinikgruppe Enzensberg
Arbeitsbereich Forschung und Qualitätssicherung
Höhenstraße 56
87629 Hopfen am See